Es ist vorbei

Guter HoffnungEben noch schwanger und guter Hoffnung – und dann total traurig, es gibt keinen Halt für die Tränen. Eben noch Pläne gehabt, Zimmer im Kopf umgeräumt und das Lächeln der werdenden großen Schwester gesehen. Die Diagnose: der Bewohner ist nicht weiter gewachsen, eine Fehlgeburt.

Dann hören, was jetzt im Körper passieren wird und entscheiden, ob man sofort ins Krankenhaus will oder sich noch Zeit nehmen will. In sich horchen, der Gedanke „Ich will Abschied nehmen“ – aber wie, von jemandem, den man nicht kennt, der vielleicht noch nicht einmal einen Herzschlag hatte. Und das merkwürdige Gefühl, dass da nichts mehr lebt in einem und die Kälte im ganzen Körper, die einen schon seit Tagen frieren lässt.

Kann man etwas dafür, was passiert ist? Was ist eigentlich passiert? Besser jetzt als später, das ist die Natur, schade, traurig. Am Abend zu Zweit eine Kerze anzünden, immer wieder der Blick auf die flackernden Sterne des Teelichthalters. Will man sich später erinnern, soll man sich später erinnern? Das Bild vom ersten Ultraschall im Schrank verschließen, die Folsäuretabletten in eine Schublade verkramen. Mehr war da noch nicht, für weitere Vorbereitungen war es noch zu früh.

Ein bißchen darfst Du noch bleiben, zwei Tage bis Montag. Alles muss weiter gehen, doch die Gedanken schweifen ab. Ich will nicht an die Zukunft denken, wir sind hier, genau hier.

Der Eingriff im Krankenhaus geht schnell, das Warten darauf dauert lange. Trotzdem ist hier kein Platz für eine Erinnerung. Zu kalt, zu weiß alles hier. Was folgt, sind kleine körperliche Schmerzen und je weniger diese werden, spürt man umso mehr wieder die Traurigkeit. Ich lasse mich von ihr umarmen. Ein bißchen noch halten.

Wir haben einen Hibiskus im Garten gepflanzt.

(Geschrieben im September 2012. Fast genau ein Jahr später bekam ich ein gesundes, quietschfideles Kind. Oft gehe ich zu dem Hibiskus und denke mit einem Lächeln an das kleine Wesen. Es tut nicht mehr weh.)

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Eine Antwort zu “Es ist vorbei

  1. Das hast du schön geschrieben. Ich habe das gleiche erlebt. Auch ich habe genau ein Jahr später das Geschwisterchen für die Große Schwester in meinen Armen halten dürfen. Welch ein Geschenk.

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