Klassentreffen

Warum macht man eigentlich Klassentreffen? Mein Haus, meine Yacht, mein Auto ist es eher weniger. Den Leuten aus meiner Schulzeit, mit denen ich immer noch und jetzt schon seit über 30 Jahren befreundet bin, ist das relativ unwichtig. Deshalb sind wir wohl immer noch auf einer Wellenlänge. Und wahrscheinlich haben wir es deswegen auch nicht so weit gebracht 😉

Es ist die Neugier. Schließlich hat man verdammt viel Zeit miteinander verbracht. 2005 fand das erste Klassentreffen statt, einfach weil wir das 20. Jahr nach der Einschulung 1984 verpasst hatten und alles so aufregend war, dass wir vorher gar keine Zeit hatten, uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Meine Erinnerung an die Einschulung: Die Schuhe waren viel zu eng.

Meine Erinnerung an die Einschulung: Die Schuhe waren viel zu eng.

Die Suche

Die Leute 2005 zu finden, war gar nicht so schwer, es existierte irgendwie noch eine Liste der Wohnanschriften und Festnetz-Telefonnummern der Eltern. Wir schickten ganz klassische Briefe und erreichten so auch eine ganze Menge.

Schwieriger war es fast, herauszufinden, mit wem man denn in den zehn Jahren so in einer Klasse saß. Eingeschult wurden wir mit 18 Kindern. Später wurde die C-Klasse aufgeteilt, die A-KLasse bekam ein paar ab. Dann wurde unsere Polytechnische Oberschule (POS) in der wilden Nachwendezeit eine Grundschule und wir mussten wechseln.

Einige Schüler verschwanden gleich auf die neu gegründeten Gymnasien, der Rest zog um in eine Gesamtschule ins naziverseuchte Neubaugebiet. Die Klasse wurde aufgefüllt mit den Ghettokids. Da bekam das Wort „Klassenkamerad“ eine ganz neue Bedeutung für unsere linke Clique. Seltener kreuzten Sitzenbleiber die Klassenstruktur, einige waren ein, zwei Jahre dabei und verschwanden dann irgendwohin.

Für das zweite Klassentreffen Ende 2014 ließen sich natürlich fein die sozialen Medien nutzen. Darüber ist zwar irgendwie auch nur ca. ein Drittel der Leute zu finden – sehr viele verweigern sich bewusst – aber manch einem rennt man auch noch mal im elterlichen Wohngebiet über den Weg, die Mundpropaganda und die alten E-Mailadressen funktionierten auch noch.

Anwesenheitsliste

Beim Durchzählen kamen wir auf so ungefähr 38 Leute, die man einladen sollte. 22 Leute kamen zum ersten Treffen. 13 zum zweiten – aber es fehlten auch eine Menge „entschuldigt“ (Neugeborenes, Weltreise, krank). In meiner Erinnerung hatten wir eigentlich einen ganz fitten Klassenverband.

Es gab immer einige Eigenbrödler, Leute mit denen man eigentlich nie was zu tun hatte. Aber ich kann mich eigentlich nicht erinnern, dass jemand bewusst ausgegrenzt wurde. Einige wollten dennoch offenbar keinen Kontakt, ob es schlechte Erinnerungen oder allgemeines Desinteresse ist – keine Ahnung, es muss ja niemand.

Interessant ist natürlich, wie weit das Bild über den Menschen, den man kannte, noch passt. Welches Leben haben sie gewählt, welchen Weg nach der Zehnten – 1994 – genommen? Damals, als alles möglich war?

Scheinbar sind die Leute, die in den Westen gingen, damit sehr gut gefahren. Zwei, die blieben und hier in den letzten Jahren wirklich etwas bewegt haben, sind leider durch Unfall bzw. Krankheit verstorben. Ansonsten blieben die Klugen klug, die Schlauen schlau und spießig wurden die, von denen man es erwartete. Dazu eine extreme Arschloch-Entwicklung, aber unsere Wege kreuzen sich eh nicht. Tja nun. Es zählten die schönen Begegnungen und interessanten Gespräche.

Sachen, über die ich mir Gedanken mach(t)e
– ein Mädel mailt ausschließlich mit der Mailadresse ihren Mannes
– ein Junge hat den Nachnamen seiner Frau angenommen
– fast alle haben 1-2 Kinder
– beim ersten Treffen mit Buffett und Vorkasse kamen mehr Leute, als beim zweiten ohne Essen und ohne Vorkasse
Studie „Coole“ Teenager haben es später oft schwerer“
– vom Abi gab es noch kein Treffen (oder wurde ich nur nicht eingeladen?)
– zwei Auszüge aus Original-Antworten auf meine Einladungsmail:
 „Ort und Zeitpunkt habe ich mir für eine voraussichtliche Teilnahme notiert.“
 „Aber NICH ASSELN! Det is MEIN REVIER! Kratzfuss…“

Im Nachhinein wollten die meisten, dass sich nicht erst wieder in zehn Jahren getroffen wird. Sehr viele bedankten sich bei mir, dass ich das in die Hände genommen habe und drei Mädels erklärten mir, dass ich mich sehr gut gehalten hätte. PROTIPP: Schummrige Location wählen.
→  Organisiert mal wieder ein Klassentreffen! (Alle zehn Jahre reicht aber…)

Advertisements

2 Antworten zu “Klassentreffen

  1. Ich lach mich schlapp – vor allem mit dem „Fresse halten“, wenn es um die Organisation geht. Selber bin ich kein Fan von Klassentreffen – alle haben da immer die besten Männer, die schönsten Kinder, die coolsten Häuser, die geilsten Karrieren und blablabla und summsummsumm! Aber Du hast alles so toll geschrieben, dass ich Dir künftig auf den Fersen bleibe. Danke! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s